Rechenzentren sind längst nicht mehr nur technische Lagerräume für Daten, sondern Teil des Rückgrats unserer modernen Volkswirtschaft. Ohne diese physische Basis sind weder Industrie 4.0 noch die digitale Transformation oder Anwendungen der Künstlichen Intelligenz realisierbar. Der Bedarf an Rechenleistung explodiert förmlich: In den letzten zehn Jahren verzeichnete die Branche einen Anstieg der IT-Anschlussleistung um über siebzig Prozent. Doch während in der Theorie viel über digitale Souveränität gesprochen wird, droht Deutschland bei der praktischen Umsetzung abgehängt zu werden. Trotz bereitstehendem Kapital und hoher Nachfrage steht der Standort vor massiven strukturellen Herausforderungen.
Stromversorgung als Engpass
Das wohl akuteste Problem beim Ausbau der digitalen Infrastruktur ist nicht der fehlende Wille zur Investition: Es ist die Verfügbarkeit von Energie. Strom ist der neue begrenzende Faktor. Die deutschen Netze operieren vielerorts am Limit, und der Netzausbau hinkt dem tatsächlichen Bedarf gravierend hinterher. Besonders kritisch sind die Lieferzeiten für essentielle Hardware-Komponenten: Auf zentrale Bauteile wie Transformatoren müssen Betreiber mittlerweile bis zu vier Jahre warten.
Diese Verzögerungen haben weitreichende Folgen. Prognosen deuten darauf hin, dass Deutschland ab dem Jahr 2028 eine Kapazitätslücke von mindestens einem Gigawatt IT-Leistung droht. Im Rhein-Main-Gebiet, einem der wichtigsten Datenknotenpunkte der Welt, könnte sich das „Strom-Bottleneck“ bis in die späten 2030er Jahre ziehen. Ohne gesicherte Anschlussleistung und wettbewerbsfähige Strompreise werden Investitionen zunehmend unattraktiv, und energieintensive Projekte wandern in Nachbarländer ab.
Paul Ronzheimer im Gespräch mit Jerome Evans, Gründer und CEO von firstcolo, über einen alarmierenden Engpass: fehlende Energie für die digitale Zukunft.
Bürokratie bremst Innovationstempo
Neben der physischen Infrastruktur ist die bürokratische Behäbigkeit ein entscheidender Wettbewerbsnachteil. Während in den USA ein Rechenzentrum oft innerhalb von ein bis zwei Jahren realisiert wird, benötigen vergleichbare Projekte in Deutschland aktuell drei bis vier Jahre. Genehmigungsverfahren sind zu komplex und langwierig, um mit dem rasanten Innovationstempo der Tech-Branche Schritt zu halten. Stand Deutschland einst für technologische Innovationskraft, schreiten im dritten konjunkturschwachen Jahr in Folge vor allem Insolvenzen und die Abwanderung der Industrie voran. Fortschritt wird hierzulande nur noch mehr schlecht als recht verwaltet, anstatt ihn aktiv mitzugestalten.
Zusätzliche regulatorische Hürden, wie etwa die Diskussionen um den „AI Act“, schaffen Planungsunsicherheit, noch bevor Technologien marktreif sind. Diese strukturelle Trägheit führt dazu, dass Deutschland nicht nur Zeit, sondern auch Wertschöpfung und Arbeitsplätze verliert. Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, benötigt die Branche dringend eine Entbürokratisierung und „Fast Lanes“ zur Beschleunigung kritischer Infrastrukturprojekte.
Das Dilemma der Abwärmenutzung und Flächenknappheit
Nachhaltigkeit ist für moderne Rechenzentrumsbetreiber längst zur Anforderung geworden. So verlangt etwa das neue Energieeffizienzgesetz, dass die entstehende Abwärme zur Nutzung zur Verfügung gestellt wird. Eine sinnvolle Maßnahme, durch die kommunale Einrichtungen wie bspw. Schwimmbäder oder auch Privathaushalte versorgt werden können. Allerdings fehlt es in den Kommunen oft noch an der nötigen Infrastruktur – sprich an Fernwärmenetzen –, um die bereitgestellte Energie überhaupt aufzunehmen. Die Planung solcher Wärmenetze geht langsamer voran, als der Ausbau von Rechenzentren.
Fazit: Politik muss jetzt liefern
Die Diagnose ist eindeutig: Deutschland steuert auf eine massive Lücke in der Infrastrukturkapazität zu, wenn bürokratische Hürden und Engpässe bei der Energieversorgung nicht radikal abgebaut werden. Damit Wirtschaft und Betreiber handeln können, muss die Politik jetzt die Voraussetzungen schaffen. Dafür ist ein Schulterschluss nötig – nicht nur zwischen Politik und Wirtschaft. Die Bringschuld liegt bei der Politik, die sich über parteipolitische Interessenskonflikte hinweg auf eine langfristige gemeinsame Strategie einigen muss, um den Wirtschaftsstandort zu stärken.
Die Zeit drängt: Deutschland benötigt jetzt eine Priorisierung des Netzausbaus, pragmatische Genehmigungsverfahren und ein Verständnis von Daten als wertvolles Industrieprodukt. Nur wenn jetzt die Weichen gestellt und eigene Kapazitäten „Made in Germany“ aufgebaut werden, lässt sich langfristig digitale Souveränität sichern, die Abhängigkeit in kritischer, digitaler Infrastruktur verringern und das Absterben ganzer Wirtschaftszweige vielleicht noch aufhalten.





